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"Österreich bekämpft Aids nur mit schönen Worten"  (Archiv) 

Michael Kazatchkine: Schockiert über fehlende Solidarität Österreichs (Foto: UNAIDS/Rauchenberger)
Archiviert: 07.08.2010
Stark ins Zwielicht geraten ist in diesen Tagen die Position Österreichs in der Bekämpfung von HIV/Aids.


Das Gastgeberland des 18. internationalen Aidskongresses leistet seit acht Jahren keinen Beitrag für den Globalen Fonds gegen Aids, Tuberkuose und Malaria http://www.theglobalfund.org und will dies auch bis 2014 nicht tun, wie der Redaktion vorliegende Dokumente zeigen. BezirksPlatz sprach mit einem wütenden Michel D. Kazatchkine, Direktor des Fonds, der das wichtigste Finanzierungsinstrument von Gesundheitsprojekten in Entwicklungsländern darstellt.

Frage: Was sagen Sie zur Absage Österreichs?
Kazatchkine: Ich bin schockiert. Österreich leistet als einziger Staat der EU-15 keinen Beitrag zum Global Fund, was für ein derart reiches Land eine Schande ist. Die Minister und auch der Bundespräsident des Landes haben diese Woche in ihren Reden Aids den Kampf angesagt. Gleichzeitig leistet Österreich aber keinen Beitrag zur globalen Lösung des Problems. Aids lässt sich nicht mit Worten und guten Absichten aus der Welt schaffen.

Frage: Wer trägt die Schuld daran, dass Österreich Schlusslicht ist?
Kazatchkine: Wie diese Entscheidung zustande kam, weiß ich nicht. Sie bildet jedenfalls einen ungeheuren Gegensatz zu dem Bild, das Österreich von sich selbst vermitteln will. Immerhin ist Österreich Gastgeber des Aidskongresses, Standort internationaler Organisationen und pflegt sein Image als Brücke zwischen Ost und West. Mit den österreichischen Politikern ergab sich diese Tage kein Treffen, ich werde aber Bundespräsident Fischer einen Brief schreiben.

Frage: Stehen Deutschland und die Schweiz besser da?
Kazatchkine: Deutschland gehört zu den wichtigsten Unterstützern des Global Funds, was besonders auf den Einsatz von Angela Merkel und Guido Westerwelle gegen Aids zurückgeht. Trotz der schwierigen wirtschaftlichen Lage sehe ich, dass das Parlament, die öffentliche Meinung und auch die Zivilgesellschaft hinter der Entscheidung steht. Ich hoffe, dass Deutschland mit den G8-Ländern auch in Zukunft wegweisend sind. Die Schweiz ist Hauptsitz unserer Organisation und hat ihr diplomatischen Status verliehen. Ich schätze das zwar, wünsche aber, dass das Land die multilateralen Bemühungen noch verstärkt. Unser Leitsatz ist, dass das Thema Aids ein globales Problem ist, das auch globale Antworten braucht. Da ist niemand ausgenommen.

Frage: Sie vertreten die Ansicht, dass HIV/Aids durch ausreichende Ressourcen, Achtung der Menschenrechte und politische Führungskraft beseitigt werden kann. Wie soll letztere erreicht werden?
Kazatchkine: Erstens über die Politiker selbst und ihren persönlichen Einsatz gegen die Krankheit. Diesen gab es früher besonders bei Tony Blair, Jacques Chirac, George W. Bush sowie auch Silvio Berlusconi. Zweitens ist die öffentliche Meinung wichtig. Europa ist Schlüsselkontinent für die arme Welt, da es 60 Prozent der Entwicklungshilfe für den Süden leistet. Großzügigkeit hat hier Tradition, und eine globalisierte Welt funktioniert auch nur mit einem Geist der Solidarität und Partnerschaft. Ich hoffe, dass in Österreich die Zivilgesellschaft das Thema Aids wahrnimmt mehr Druck ausübt.

Frage: Wie bewerten Sie die Forderung von Bill Clinton und Bill Gates nach mehr Effizienz im Kampf gegen Aids?
Kazatchkine: Mehr Effizienz im Einsatz der Mittel ist möglich und Gebot der Stunde. Allerdings stellt sich die Frage, wie viel mehr an Effizienz in den Empfängerländern noch machbar ist. Ich denke, dass wir bereits Wunder wirken, was die Versorgung der Menschen mit antiretroviralen Medikamenten betrifft. In Afrika kostet ein HIV-Patient durchschnittlich 460 Dollar pro Jahr, wobei schon Medikamente, HIV-Test, Ärzte und Infrastruktur enthalten sind. Der durchschnittliche, nicht von HIV betroffene Westeuropäer kommt auf 7.000 Dollar Gesundheitskosten pro Jahr. Allerdings werden selbst die besten Effizienzsteigerungen die Lücken nicht schließen, die die fehlenden Beiträge reißen.

Frage: Angenommen, die globalen Fördergelder werden nicht wie geplant aufgestockt: Wie lautet der Plan B für den Global Fund?
Kazatchkine: Es gibt keinen Plan B. Es geht um Leben oder Todesfälle. Die Politiker, die über die Beiträge ihres Landes entscheiden, entscheiden wie viele Leben sie retten werden.

mred, 24.07.2010

Thema: Gesundeit & Medizin

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